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- 30 Apr 2010 - 21:00Series:
Pressebilder
www.damosuzuki.com/press
Château Laut
http://www.haywain.com/html/promokit_CL.htmlDamo Suzuki ist in Japan geboren und aufgewachsen. Er wurde von den Can-Mitgliedern Holger Czukay und Jaki Liebezeit in München als Straßenmusikant entdeckt und sofort engagiert. Er absolvierte noch am gleichen Abend seinen ersten Auftritt mit der Band. Er blieb vier Jahre Mitglied bei Can und nahm unter anderem die Platte Tago Mago, die als das beste Album der Gruppe gilt, auf. 1974 verschwand er dann von der Bildfläche.
1983 tauchte er wieder in der Öffentlichkeit auf und spielte bei verschiedenen Bands wie Dunkelziffer oder Phantom Band um Jaki Liebezeit, bevor er die Damo Suzuki Band gründete. Ab 1990 nannte sich die Band dann Damo Suzuki & Friends und schließlich Damo Suzuki's Network. 1997 gründete er sein eigenes Label Damo's Network, unter dem er eine Reihe Alben veröffentlicht, die ausschließlich Live-Material enthalten.
Seit 1997 geht er immer wieder auf Tournee mit diversen Bands und Interpreten und verdient seinen Lebensunterhalt als Musiker. Seine Musik basiert wie früher schon auf Improvisation. Er reist in die verschiedensten Länder und spielt mit dortigen Musikern - den so genannten "Sound Carriers".
wikipedia
Château Laut ist eine experimentelle Indierockband aus Berlin um Steno Glenolak, Stefan Fähler, Max Stolzenberg und Andrew Maler.
Seit 2007 spielen sie in Venues wie u.a. dem Festsaal Kreuzberg (mit Mono), dem SO36 (mit Dmonstrations) und Magnet (mit Long Distance Calling).
2008 entstand ihr selbstbetiteltes Debutalbum auf dem Troisdorfer Label bluNoise in Zusammenarbeit mit dessen Kopf Guido Lucas (u.a. Produzent von Blackmail).
Mehrere Songs ihres Debuts sind in dem Kinofilm "Bedways" von RP Kahl zu hören, der seine Premiere im Februar auf der 60. Berlinale feierte.
Während Château Laut inzwischen an ihrem zweiten Album für BluNoise (VÖ: 2010) arbeiten, erscheint auf Haywain die Split 12" mit Jeanie Bueller, sowie ein Album mit Live-Bootlegs ihrer bisherigen Gigs."Diese Platte setzt dort an, wo Shellac, Sonic Youth und die ganzen guten Dischord-Bands zumeist aufhören. Aufreibend horizonterweiternd."
Visions"Fans von Shellac bis Kinski dürfte das verzücken."
Intro"This album howls and clangs with an unholy terror then sinks back down into brooding depths. ...
The band's ready to keep it simple and keep it rocking. "
aversion.com"It’s a voice that’s almost more sound than music at times, but there’s no denying that it is music ...
The band shows that musical talent goes well beyond the pop culture we’re used to."
blastmagazine.com"Wir haben das Gesicht vorn, weil wir in die Zukunft schauen sollen."
VON CAN ZUM NETWORK - DAMO SUZUKI
1999 war das Jahr der Dose. Anläßlich "30 Jahre CAN" und der sauber getimeten, im praktischen Viererpack absolvierten Solo-Konzerte von Holger Czukay, Irmin Schmidt, Michael Karoli und Jaki Liebezeit im März war, von Munzingen bis Husum, in den Gazetten der Republik noch mal alles über die wichtigste deutsche Band ever zu lesen. Nur einer fehlte bei den Live-Feierlichkeiten wie in der Presse-Revue: Kenji "Damo" Suzuki.Dann müsse er aber erst mal seine Wohnung aufräumen; seine Stereoanlage sei, sorry, nicht die Hi-Fi-deligste; trotzdem werde er dem Besucher gern einige noch unveröffentlichte Live-Tapes vorspielen. So stimmt der heute 50-jährige ehemalige Straßensänger, der von den Can-Instrumentalisten Czukay, Schmidt, Karoli und Liebezeit im Mai 1970 vor einem Münchner Straßencafé "entdeckt" wurde, mit ihnen noch am selben Abend auf der Bühne der Discothek "Blow Up" stand und ihnen bis September 1973 seine Stimme lieh, den Reporter telefonisch auf den avisierten Besuch in seinem Kölner Apartment ein. Entgegen allen zeitweise zirkulierenden Gerüchten, der "wahre" Can-Sänger, dem der Engländer Mark "The Fall" Smith 1985 mit dem Song "I Am Damo Suzuki" ein Denkmal gesetzt hat, sei längst in seine Heimat Japan zurückgekehrt, hat er nämlich Wurzeln geschlagen in der Domstadt. Und er ist musikalisch aktiver denn je: Damo Suzuki's Net Work heißt sein aktuelles Projekt.
"Schreib einfach, was du hier siehst", erklärt Suzuki, als der Reporter einige Wochen nach dem ersten Telefonat am Wohnzimmertisch des öfter verschollen Geglaubten sitzt und - O-Ton sollte sein - den Recorder auspackt. Und, nein, gegenlesen wolle er sein Interview vor Drucklegung auch nicht: "Schreib nur, was ich gesagt habe!" Keine Spur also von jenen Allüren, die man einer "Kultfigur" verzeihen würde: Suzuki schenkt Rotwein ein, bietet Zigarillos an und präsentiert stolz ein Fotoalbum mit säuberlich eingeklebten Aufnahmen seiner westafrikanischen Freunde, die er auf Rucksack-Reisen durch den schwarzen Kontinent kennengelernt hat. Und was als Interview geplant war, entwickelt sich rasch zu einem lockeren Gespräch, in dessen Verlauf sich der Reporter mitunter fragt, wer hier eigentlich "interviewt" wird. "Ich habe Interesse an Begegnungen mit anderen Menschen," erklärt der Gastgeber. "Interviews sind Geschäft. Ich mache Musik nicht als Geschäft."
Damo, du hast 1998 dein eigenes Label gegründet, Damo's Net Work. Warum? Hast du dir bei den großen Firmen keine Chancen ausgerechnet?
Ja, weil ich nur Platten mit Live-Aufnahmen machen wollte. Aber die andere Seite ist: du hast Freiheit, wenn du eine eigene Plattenfirma hast, und ich wollte Freiheit haben. Ich will heute gar nicht mehr so viel Musik machen, ich will Freiheit haben - nicht zeit-mäßig, sondern kreative Freiheit.Und warum veröffentlichst du deine Platten nicht einfach auf [dem Can-Label] SPOON?
Weil ich davon abgetrennt bin, so zu denken. [lacht]Du meinst, das Thema Can ist für dich Geschichte?
Ja, ich will frei leben.Warum distanzierst du dich heute so von Can? Du giltst doch noch immer als der Can-Sänger, und deiner Vergangenheit kannst du nicht entrinnen!
Ja, das ist klar. [lacht] Aber ich war nur drei Jahre bei Can, und Can ist 30 Jahre alt; das ist nur zehn Prozent.Can waren aber nicht 30 Jahre lang zusammen.
Aber gegeben! Can haben nicht 30 Jahre Musik gespielt innerhalb dieser vier Leute, aber in dieser Zeit hat es Can immer gegeben, irgendwie.Ist dir überhaupt bewusst, dass Damo Suzuki "Kult" ist und eigentlich ein Star?
Aber das ist nicht mein Leben. Ein "Star" muss immer zurückgehen zu etwas...Er muss in Konzerten seine alten Hits spielen.
Ja. Aber ich bin ein Typ, der nicht zurückgehen will zu dem, was er vorher gemacht hat. Ich lebe auch schon 30 Jahre im Ausland, und wenn ich zurückgehe in meine Heimat, ist alles auch total anders.Du kannst dir auch nicht vorstellen, noch mal in Japan zu leben?
Glaube ich nicht. Nach Japan kann man immer gehen, aber nicht in die eigene Jugendzeit. Wenn ich an Japan denke, ist es eigentlich immer meine Jugendzeit und Erinnerungen von den 60er Jahren, die ich im Kopf habe. Ich würde es nur aus Sentimentalität machen; aber meine Freunde sind heute viel mehr in Afrika. Nach Japan zurückgehen ist wie Zurückgehen in meine eigene Erinnerung; aber das mag ich nicht machen, denn jeder Mensch lebt nur einmal. Darum ist es besser, irgendwas anderes zu machen. Genauso mit Can.Ich sehe hier bei dir an der Wand eine Karte von Westafrika mit vielen Fähnchen, die du da reingesteckt hast. Wird das deine nächste Reiseroute?
[lacht] Nein, ich war da schon. Aber es ist mein Traum, wieder nach Afrika und da mit Musikern spielen. Afrika ist für mich die schönste Gegend in der Welt, und die beste Musik kommt für mich heute aus Westafrika. Irgendwann will ich dorthin gehen und irgendwas machen.Du scheint überhaupt gern zu reisen.
Ja, ich bin ein naturgeborener reisender Mensch. Ich meine, du kriegst heute überall Informationen über die ganze Welt, aus Zeitungen und aus [dem] Internet. Aber wenn du in solche Länder gehst - auf eigene Faust, mit Rucksack -, kannst du deine eigene Geschichte entwickeln; jeder Tag, den du nimmst, ist eigentlich deine eigene Geschichte. Darum reise ich mit Rucksack und zu Fuß; ich mag das lieber als Touristik-Reisen. Wenn du ein Tourist bist, kannst du nichts Neues entdecken, weil du weißt schon vorher, was du siehst...Next allem die Touristen-Attraktionen.
Ja, mag ich nicht.Wenn du an Can denkst, kommst du dir dann auch wie ein Tourist vor, wie einer, der in seine eigene Vergangenheit zurückreist?
Ja, ich bin total ab von so was. Can ist Vergangenheit, nicht?Wie ist es denn bei deinen Konzerten? Warten die Leute nicht darauf, daß du noch mal was von Can spielst?
Ja, sicher, da ist kein Zweifel, dass Leute auch deshalb kommen. Ich versuche zuerst immer, was anderes zu machen; aber ab und zu spielen wir auch ein oder zwei Stücke von Can, "Mother Sky" oder "Halleluwah" oder "Mushroom". Aber wir kündigen es nicht an; es passiert im normalen Programm, mitten in irgendeinem Stück.Es sind also noch immer alles instant compositions wie damals bei Can - es passiert alles spontan?
Ja. Und die Leute sind einfach besser drauf, weil sie nicht vorbereitet sind, wenn wir was von Can spielen. Es ist eine Überraschung wie bei kleinen Kindern, wie ein Geschenk zum Geburtstag oder zu Weihnachten. Ich finde, es kommt viel mehr menschliche Freude auf bei spontanen Sachen als bei geplantem Zeug.Ist aber schon ein bisschen komisch, dass du dich einerseits von Can abgrenzt und sagst, Can ist Vergangenheit, und dass du andererseits mit deinen "spontanen" Konzerten den Geist von Can mehr triffst als zum Beispiel Irmin Schmidt. Er ist ja heute ein "richtiger" Komponist; er schreibt Opern und Filmmusik.
Ja, das stimmt. Aber zum Beispiel Holger oder Jaki sind immer dabei, neue Sachen zu entwickeln. Obwohl neue Sachen zu entwickeln für mich auch eher unwichtig ist, denn ob Musik gut oder schlecht ist, hat nichts mit "neu" oder "alt" zu tun. Und ich habe ja auch als Straßenmusiker immer improvisierte Musik gemacht; das liegt mir mehr, als jeden Tag dieselben Sachen zu singen. Darum würde ich mich auch nicht als professionellen Musiker bezeichnen und sagen, Musik ist mein Beruf. Ich arbeite in einer japanischen Firma - das ist mein Beruf! - und mache nebenbei Musik. Ich finde es auch einfacher, das parallel zu machen; denn als professioneller Musiker musst du so viele Sachen erledigen, die nichts mit Gefühl zu tun haben. Aber Gefühl ist für mich das Wichtigste in der Musik - und die Begegnung mit anderen Menschen.Ist das der Grund, weshalb du nicht mehr in Studios arbeitest? Von der Damo Suzuki Band und Damo Suzuki's Net Work gibt es nur Live-Aufnahmen.
Ja, denn wenn du ins Studio gehst, ist alles tot; alles ist künstlich gemacht. Next allem ist kein Publikum im Studio; aber das Publikum ist für mich Teil der Musik, genauso wichtig wie die Musiker. Es ist eine schöne Sache, mit den Musikern und dem Publikum zusammen Musik zu machen, trance-mäßig. Meine Musik ist nicht "Proben, eine Platte machen, auf Tournee gehen". Das ist Routine, und Routine ist langweilig. Ich habe genug Routine in der japanischen Firma, jeden Tag. [lacht]Abgesehen davon, dass du im Studio das Publikum vermisst, was stört dich dort sonst noch - die Technik?
Ja, es ist künstlich, High Tech. Brauche ich nicht.Du hast mir auch, als wir vor ein paar Tagen telefoniert haben, schon gesagt, dass deine Hi-Fi-Anlage ziemlich klein ist. Es stimmt, wie man sieht.
Ja, kostet zusammen zwölfhundert Mark oder so. [lacht] Klar, es gibt Leute, die müssen alle zwei Jahre was Neues haben, immer High Tech. Aber wozu ist es gut, High Tech zu haben? Nur, wenn du Lokomotiven oder Meeresrauschen "echt" hören willst. Für Musik ist eine kleine Anlage genug. [deutet auf seine Micro-Hi-Fi-Anlage] Ist nicht so gut wie deine Anlage vielleicht... [lacht]Du wirst lachen, wenn ich Platten bespreche, höre ich sie meistens nicht auf einer großen Anlage ab, sondern mindestens einmal auch auf der ganz kleinen in meinem Büro. Denn die wenigsten Leute hören ja Musik unter Studiobedingungen, viel öfter wahrscheinlich aus dem Transistor in der Küche.
Ja, das ist besser. Studio ist künstlich, aber Musik ist ein Teil vom Leben.Zurück zu Net Work: ist das eine feste Band?
Nein, Net Work ist Teil von einem Projekt, das ich in Zukunft machen will, mit verschiedenen Leuten. Net Work ist auch nicht gedacht als Computer-Network, sondern als Net Work - getrennt! Es ist für mich ein Weg, um mit anderen Leuten Freundschaften zu gründen, nicht abhängig von Hautfarbe, Frauen oder Männer und so.Ein "kosmopolitisches" Projekt...
Ja, Musiker aus verschiedenen Ländern.Welche Musiker, mit denen du im Rahmen des Net Work gern mal arbeiten würdest, hast du zur Zeit im Auge?
Ich weiß noch nicht, ich will es im Moment auch nicht sagen. Es soll eine Überraschung sein. Aber es ist alles spontan - keine Proben!Ist es nicht schwer, die richtigen Musiker für so ein Projekt zu finden? Die meisten Musiker, die ich kenne - jedenfalls die aus Europa oder den USA - sind gewohnt, zu proben.
Ja. [lacht]Nehmen wir zum Beispiel einen Keyboarder wie Matthias Keul, der bei dir 1997 gespielt hat. Wie ist er mit deiner spontanen Arbeitsweise klargekommen?
[lacht] Ich habe jetzt nicht soviel Kontakt mit Matthias Keul.Das ist auch eine Antwort.
Matthias ist ein Keyboarder, der sehr gut spielen kann!Dann frage ich noch mal anders: Wo haben gute professionelle Musiker generell ein Problem mit deiner Musik?
Das Problem ist: viele professionelle Musiker haben zu viele Informationen im Kopf, das ist nicht gut. Auch zum Beispiel Internet und Videospiele und Playstations, was viele junge Leute spielen - das macht den Kopf kaputt. Zu viel Information, zu viel Technik verhindert Kreativität.Versuchst du selbst, eine Art "Amateur" zu bleiben?
Ja, war ich eigentlich immer, ein Amateur.Bei Can hat das zu sehr schönen Ergebnissen geführt. Auch die Texte, die du gesungen hast und die ein wichtiger Bestandteil im Can-Sound waren, waren ja eher freie Lautmalereien - eine Art Esperanto, jedenfalls kein richtiges Englisch.
Ja, spontan, nichts aufgeschrieben.Duncan Fallowell [langjähriger Mitarbeiter von Can und Irmin Schmidt] hat einmal deine Texte transkribiert und dabei festgestellt, dass sie - ich zitiere - "in ihrer schriftlichen Form sehr wenig mit Damo zu tun haben" [vgl. "Das Can Buch" von Pascal Bussy & Andy Hall, Sonnentanz, Augsburg 1992/98].
Das ist wahr. [lacht] Er hat es gemacht, weil, wenn irgendeine Gruppe mit einem Verlag arbeitet, muss Text da sein.Die Stücke lassen sich sonst nicht verlegen, und es gibt kein Geld.
Ja, genauso. [lacht]Ich habe vor ein paar Tagen mit Michael Karoli gesprochen, der ja heute auch wieder mit dir spielt [vgl. das Album "Seattle"]. Er hat mir gesagt, dass viele Leute immer noch glauben, Can habe Jam-Sessions veranstaltet. Aber erstens sei das falsch, und zweitens könne er Jam-Sessions nicht ausstehen; er lege Wert auf jede einzelne Note. Wie würdest du den Unterschied zwischen einer Jam-Session und dem, was ihr bei Can gemacht habt und was du heute machst, definieren?
Eine Jam-Session ist was anderes - bei drei Akkorden ein Wechsel, und die Leute wissen, was kommt als nächstes. Das ist langweilig. Was ich mit Karoli öfter mache, ist keine Jam Session; es ist eine Begegnung mit diesem Musiker.Auf einer menschlichen Ebene, ohne musikalische Nextgabe?
Ja, ohne Boden, weil da fängt Musik an. Es ist wie beim Fußball. Wenn die Mannschaft nur spielt, wie der Trainer sagt, ist es langweilig; man muss improvisieren. Meine Musik ist genauso, eigentlich wie Sport. [lacht]Was bedeutet dir Musik eigentlich? Du hast ab 1974, nach deinem Abschied von Can, zehn Jahre lang gar keine Musik gemacht.
Elf Jahre!Hast du das Musikmachen in dieser Zeit nicht vermisst?
Nein. Ich habe sogar keine Musik gehört. Eigentlich war es eine gute Zeit für mich - ein Geschenk, eine kreative Pause. Es brauchten nicht unbedingt elf Jahre zu sein, aber es hätten auch zwanzig Jahre sein können; das ist auch okay, weil ich denke nicht, dass Musik die beste Sache im Leben ist. Musik ist nur die Interpretation vom Leben, und das hat mit Gefühl zu tun. Und wenn kein Gefühl dabei ist, ist es besser, wenn man nicht Musik macht.Was war der Grund, dass du 1983 bei der Phantomband von Jaki Liebezeit wieder angefangen hast, Musik zu machen?
Es war so: ich hatte Krebs gehabt und war zweimal operiert, und der Arzt hatte gesagt, es war kritisch. Okay, ich war Zeuge Jehovas gewesen und hatte keine Bluttransfusion gemacht. Aber beim zweiten Mal waren es nur noch 5 Prozent Lebensmöglichkeit; ich hatte weniger als 38 Kilogramm. Aber ich habe es ohne Bluttransfusion bestanden, und in dieser Zeit hat mir eine innere Stimme gesagt, du musst wieder Musik machen, denn es macht Spaß, und du musst dein Leben genießen. Wenn jemand, der nahezu tot ist, gerettet ist, denkt er zuerst, was wichtig ist im Leben, und das zu machen. Es war eine tragische Sache, aber eigentlich gut für mich; ich habe mehr Selbstbewusstsein gewonnen damals. Denn bei Can war ich der kleine Hippie aus Japan und hatte eigentlich keine Meinung gehabt. Aber jetzt, nach dieser Sache, kann ich aus diesem anderen Aspekt eine Menge Sachen erzählen, und das ist sehr gut. Deshalb will ich auch nicht in die Vergangenheit zurückgehen, ich kann jetzt auf eigenen Füßen stehen. Es hat nicht damit zu tun, Erfolg zu haben oder nicht Erfolg zu haben; das ist nicht mein Thema. Mein Thema ist, ständig vorwärts zu gehen. Wir haben das Gesicht vorn, weil wir in die Zukunft schauen sollen. [lacht]Wenn du so zukunftsorientiert bist, hast du dann überhaupt ein Nextbild unter früheren Musikern?
Nein, kein Nextbild. Aber ich habe - Home der 90er Jahre, glaube ich - ein wahnsinnig gutes Konzert von dem kubanischen Musiker Mario Bauza gesehen, ein Supertyp! Das war auf dem Leverkusener Jazzfestival; drei Monate später ist er gestorben. Aber er hat auf der Bühne so gelächelt; ich habe gesehen, dass sein Leben und seine Musik total einheitlich sind. Es war nicht getrennt bei ihm, Geschäft und Privatleben, es war alles zusammen. Solche Art von Menschen mag ich sehr gerne.Sprechen wir noch mal über deine Zukunft! Was planst du als nächstes?
Ich will das noch nicht sagen heute. Weil wenn es nicht klappt, bin ich der totale Versager. [lacht]Darf ich trotzdem noch mal nachbohren?
[lacht]Hast du vielleicht internetmäßig irgendwas vor? Könntest du dir zum Beispiel vorstellen, virtuell mit Musikern aus Westafrika zu spielen, oder brauchst du unbedingt die physische Präsenz deiner Mitmusiker?
Ja, brauche ich.Holger Czukay zum Beispiel plant, wie man hört, virtuelle Sessions. Er ist von den Möglichkeiten des Internet begeistert.
Ja, aber Holger findet alles gut. [lacht] Damals auch bei Can hat Holger immer mit Technik gespielt; er findet das moderne Zeug faszinierend. Sein Interesse ist einfach so; aber ich bin anders. Ich meine, ich bin Japaner, aber ich mache auch kein Techno-Zeugs oder so.In Japan liebt man Techno noch immer.
Ja, das ist so. Aber ich höre lieber afrikanische Musik, und ich habe es lieber, Live-Konzerte zu sehen, als Platten zu hören, die im Studio gemacht sind. Die richtige gute Musik aus Afrika wird nicht in Studios gemacht.Sondern auf Dorfplätzen.
Ja, deshalb kannst du solche Musik nur in Afrika hören. Du musst hingehen, nicht warten, was kommt aus Afrika.Weil das von den großen Plattenfirmen für europäische Ohren gefiltert wird.
Ja, denn für die Plattenfirmen ist das nur ein Geschäft.Ich sehe hier in deinem Zimmer auch einige afrikanische Saiteninstrumente...
Aber das ganz rechts ist aus China. Die zwei mittleren sind aus Marokko, und die Kora ist aus Afrika.Kannst du sie spielen?
Nein, Kora ist sehr schwer zu spielen. Aber ich nehme immer gern ein Musikinstrument mit aus dem Land. Nur manche sind zu schwer. [lacht] Darum besuche in jedem Land eine Kochschule und lerne zu kochen. Das ist besser - einfach und praktisch und billiger.Das heißt, du bringst dir von deinen Reisen immer ein Kochrezept mit statt eines der üblichen Souvenirs.
Ja, ein Kochrezept ist praktisch; es ist gut für mein Leben. Leute einladen und kochen - das ist kreativ. Wie Musik.Interview von Albrecht Piltz
Participating Artists:

